Möglichkeiten des Markttimings

Die Möglichkeiten des Markttimings

Ein Überblick über die gängigsten Markttiming-Modelle und die Komponenten systematischer Investitionen

Das Hauptcredo institutioneller Investoren ist das Erreichen einer festgelegten Zielrendite unter Minimierung des Risikos. Nun sind risikobehaftete Anlagen gewissen Schwankungen unterworfen. Daher ist es eine gängige Praxis mittels Overlaysystemen diese Schwankungen ausgleichen und die Renditen der Investitionen zu glätten.
Im folgenden Artikel wollen wir kurz auf Möglichkeiten eingehen mit welchen Modellen Finanzmärkte systematisch Analysiert werden können, welche Charakteristika diese Modelle aufweisen und welche Methoden im Asset Management genutzt werden. Grundsätzlich sehen wir Overlaymodelle nicht als Versicherung die eine Prämie kosten darf, sondern viel mehr als weiteren Baustein einer erfolgreichen Anlagestrategie, die Alpha generieren muss.

Quantitative Overlaymodelle

Die meisten quantitativen Overlaymodelle basieren auf einer Kombination aus trendfolge Indikatoren. Trendfolge Indikatoren versuchen Regelmäßigkeiten aus der Vergangenheit abzuleiten und diese Information für die Kursvorhersage in die Zukunft zu nutzen. Es wird davon ausgegangen, dass sich Märkte nicht verändern und historische statistische Regelmäßigkeiten auch in der Zukunft weiterhin Bestand haben.
Als Beispiel wollen wir hier einen einfaches Moving Average System (MA), also den Durchschnittskurs der letzten x Tage, nehmen. Eine Strategie kann sein eine langfristigen MA (z.B. 200 Tage) und einen Kurzfristigen MA (z.B. 90 Tage) zu berechnen und bei überkreuzen ein Signal zu erzeugen. In der folgenden Grafik sehen wir diese beiden Indikatoren angewandt auf den MSCI World und ihren Charakter im Zeitverlauf.

Overlaymodell Moving Average Golden Cross

Im Prinzip funktionieren fast alle quantitativen Overlaymodelle in dieser Weise. Historische Datenreihen werden analysiert und statistisch ausgewertet welche Kombinationen von Indikatoren in der Vergangenheit rentabel war. Oftmals wird im zweiten Schritt noch ein Monte-Carlo-Simulation (Anwendung des Systems auf Zufallszeitreihen, die unter selbstgewählten Kriterien erstellt wurden) oder ein Walk-Forward-Test (Optimierung auf einen Datenzeitraum und Anwendung auf nicht optimierte Daten) durchgeführt, um eine höhere Konfidenz in das neue Modell zu erhalten.
Diese Modelle können funktionieren, wenn man sich dem Charakter der Modelle bewusst ist und sich klar macht, in welchen Marktphasen diese Modelle performen. Da es sich um trendfolge Modelle handelt, also nachlaufenden Indikatoren, sind klare, langanhaltende Trends, die am Ende ein langsames Top ausbilden optimal. Das System bleibt lange investiert und bei einem Trendwechsel haben die nachlaufenden Indikatoren Zeit sich zu konsolidieren und es wird nur wenig von den Buchgewinnen abgegeben. Scharfe Trendänderungen und volatile Seitwärtsphasen sind dagegen das Worst-Case eines solchen Modells. Bei scharfen Korrekturen kann der nachlaufende Indikator nicht rasch genug umschalten, geht zu spät aus dem Markt – es entstehen Verluste. Noch ungünstiger sind Volatile Seitwärtsphasen, hier wird nicht nur zu früh gekauft, sondern auch noch zu spät verkauft.
In der nachfolgenden Grafik kann man diese Phasen gut nachvollziehen und kann sehen wie sich die Performance in den einzelnen Phasen entwickelt hat:

Renditeverlauf:
Renditen Overlaymodell Moving Average

Signale:
Signale Auswertung Overlaymodell Moving Average

Lange Aufwärtstrends wie die Jahre 2008 bis 2014 generieren einen stark positiven Return. Volatile Seitwärtsphasen mit leicht positiver Tendenz wie 2014 bis heute können dagegen keine überzeugende Performance liefern und performen deutlich schlechter als die einfache Investition in den Index. Charakteristisch bedeutet das für einen nachlaufenden Indikator, dass man im Aufwärtstrend niemals am Hoch aussteigen und am Downtrend niemals den perfekten Einstieg finden wird. Dabei kann der Markt nur durch das Timing von Ein- und Ausstiegen geschlagen werden und profitiert somit nur vom Verringern der Drawdownphasen.
Dabei sollte im Vorfeld klar definiert werden welche Kriterien für einen Einstieg/Ausstieg aber auch einen Wiedereinstieg festgelegt werden. Psychologisch ist dieser vorgefertigte Wiedereinstieg äußerst wichtig. Die Aufgabe nach größeren Verlusten erneut zu investieren ist hart und bedarf großes Vertrauen in das Modell.
Wir sind der Meinung, dass quantitative Trendfolgemodelle durchaus ihre Daseinsberechtigung haben und vor allem Aktien-Timingmodelle sinnvoll sein können. Wichtig ist dabei die aktuelle Trendphase zu bestimmen, da sonst große Verluste und lange Jahre der Unterperformance möglich sind. Fonds oder Handelssysteme die auf Trendfolgemodellen basieren, müssen genaustens auf Ihre Flexibilität im Zeitverlauf und Anpassbarkeit bei Regimewechsel geprüft werden. Eine Erhöhung der Komplexität und der Anzahl an Indikatoren ist bei Trendfolgemodellen meist nicht sinnvoll, hier droht Überoptimierung. Zudem sollte nicht auf Modelle vertraut werden, die nur historisch gut performt haben und diese Strategie in die Zukunft transferieren. Daumen drücken und auf Kontinuität hoffen führ hier nicht zwangsläufig zum Erfolg.

Makroökonomische Vorhersagen

Zur Erweiterung der quantitativen Overlaymodelle haben auch makroökonomische Kennzahlen eine gewisse Relevanz. Es gibt Systeme, die versuchen mittels fundamentalen Kennzahlen Seitwärts- und Drawdownphasen vorherzusagen und haben dabei langfristig eine erstaunlich gute Trefferquote. Wir denken hier an Zahlen wie den Real Retail Sales Growth Index oder auch den hier besser bekannten IFO Geschäftsklima Index. Zahlen, die nah an der Realität sind und die aktuelle Lage der Volkswirtschaft nachvollziehbar und strukturell beschreiben. Dabei ist die Sinnhaftigkeit und Nachvollziehbarkeit der Daten die entscheidende Komponente für langfristigen Erfolg. Zufällige Korrelationen, die möglicherweise nicht nachhaltig und erklärbar sind müssen ausgeschlossen werden.
Die Funktionsweise dabei ist häufig, dass der Indikator als Filter fungiert und den Markt in positive oder negative Investitionsperioden unterteilt. Es wird also gefiltert wann sich der Markt in einer Seitwärtsphase befindet und wann ein Trend zu erwarten ist. Für beide Szenarien wird eine unterschiedliche Strategie angewandt um vor allem in volatilen Seitwärtsphasen keine desaströse Unterperformance zu generieren. Diese Art von Filter ist langfristig einer der Schlüssel für eine funktionierende Overlaysteuerung. Seitwärtsphasen können, genau wie Trendmärkte, sehr lange anhalten und den glauben an ein Modell stark beeinflussen.

Technische Analyse

Auch die technische Analyse kann zum Marktiming genutzt werden. Hierbei wird nach prägnanten Wiederständen und Unterstützungen gesucht um mögliche Zonen zu finden an denen der Kurs abprallen und seine Richtung ändern wird. Dabei sollte einem bewusst sein, dass diese Linien keiner harten Wissenschaft entsprechen und nicht immer als eindeutig eingestuft werden können. Es handelt sich ehr um Kursbereiche die von den Investoren Beachtung finden, entweder aufgrund einer runden Ziffer oder aufgrund von auffälligen Höchst- oder Tiefstständen. Die technische Analyse basiert auf der Dow Theorie. Diese besteht aus sechs Pfeilern und besagt unter anderem, dass alle Informationen im aktuellen Kurs wiedergespiegelt werden und es somit keinen Mehrwert hat fundamental Kurse zu analysieren.
An einem Chart des MSCI World Indices wollen wir uns Grundzüge der technischen Analyse genauer ansehen:

Technische Analyse Beispiel

Ein Blick auf den Chart zeigt eine Unterstützung bei 230 Punkten und einen Aufwärtstrend seit dem Jahre 2011. Diese Marken wurden in der Vergangenheit stark beachtet und können somit als Verlustgrenzen oder Kaufgelegenheiten genutzt werden. Ausbrüche aus diesen Zonen deuten eine Trendwende an und sind teilweise erstaunlich resistent. Dabei sollte man auch unterschiedliche Zeiträume angucken um große, langanhaltende Trends nicht zu übersehen. Wir sind der Meinung, dass diese prägnanten Marken besonders bei der Stopp Loss Suche, Wiedereinstiegen oder Investitionspunkten sehr hilfreich sein können.

Wertuntergrenzen | Stopp Loss

Die Idee von Wertuntergrenzen oder das setzten eines Stopp Loss ist wohl die einfachste Variante der hier vorgestellten Optionen. Sie dient weniger dem Markttiming, als vielmehr dem begrenzen von Verlusten und einhalten von Risikobudgets. Unterschreitet eine Investition einen vorher definierten Wert, wird diese Position gesichert oder verkauft. Wie diese Wertuntergrenze festgelegt wird kann mittels technischer Analyse oder auch einer festgelegten maximalen Verlusttoleranz ermittelt werden. Daraus resultiert die Problematik um den Wiedereinstieg. Ist man erstmal aus dem Markt raus muss man festlegen unter welchen Bedingungen wieder eingestiegen werden sollte. Oftmals werden hier Jahresanfänge oder gewisse Schwellen festgelegt was nicht immer optimal sein muss. Es ist aber auch möglich sich hier den anderen Markttimingmodellen zu bedienen und beispielsweise mittels technischer Analyse Einstiege zu finden.

Fazit

Das Thema Markttiming ist ein wichtiger Baustein im institutionellen Portfoliomanagement. Die Anwendungsgebiete sind sehr breit und gehen von einfachem begrenzen von Verlusten über Markttiming bis zum Timing von Erstinvestitionen. Die Modellvielfalt ist groß und kann, besonders in den Overlaymodellen, sehr komplex werden. Dabei ist es wichtig nachhaltig zu prüfen, ob die Modelle auch in der Zukunft einen Mehrwert liefern können. Viele Modelle überleben den Test der Zeit nicht oder verhalten sich volatiler als sie es in ihren historischen Backtest gezeigt haben. Die Investition in den Aktienmarkt bleibt ein risikobehaftetes Investment, dass durch die Implementierung eines Overlaymodells beherrschbarer aber nicht zwangsläufig risikoärmer wird.

Niels Raabe | A.L.M. Berlin asset consult GmbH | www.berlin-asset-consult.de

Hinweis:
Den Grafiken und Tabellen liegen Informationen zugrunde, die wir zum Zeitpunkt es Erstellens für verlässlich gehalten haben. Trotz sorgfältiger Auswahl der Quellen wird keine Haftung für die Richtigkeit des Inhalts des Artikels übernommen.